„Mut tut gut, weil man alles ausprobieren kann“
Draußen tobte der Herbststurm, drinnen herrschte entspannte Atmosphäre: Rund 50 Musikbegeisterte hatten dem Wetter getrotzt, um am Freitag, den 23. Oktober, die Saarbrücker Singer-Songwriterin Jennifer Collet – besser bekannt als „Colletti“ – live zu erleben. Bis fast auf den letzten Platz war das Eurobistro der Europäischen Akademie Otzenhausen besetzt. Der kleinere Rahmen und Collettis anspruchsvolle, persönliche Songs verschmolzen zu einem perfekten Clubabend, wie es eine Besucherin begeistert auf den Punkt brachte.
Insbesondere ihre Zugabe „Building a Fence“ hat für sie eine tiefe Bedeutung. Was vordergründig recht simpel vom Bau eines Zaunes handelt, transportiert für Colletti eine Botschaft. „Nach einer schweren Corona-Zeit bin ich auf eine Alm gefahren,“ erzählte Colletti sehr offen im Vorfeld zum Konzert, „vorher war ich im Flow, und das war auf einmal vorbei. Und hier habe ich Dinge gemacht, auf die ich vorher nicht unbedingt gekommen wäre – zum Beispiel für Kühe einen langen Zaun zu ziehen.“ Dieses Erlebnis entwickelte sich zu einem der Aha-Erlebnisse, die für Colletti bis heute ein ungewöhnliches Rezept für immer neue Kreativität sind: „Ich versuche, möglichst viele Dinge in meinem Leben zum ersten Mal zu machen. Dann merke ich: Mut tut gut, weil man alles ausprobieren kann und immer neue Erkenntnisse gewinnt. Dabei geht es auch um einfache Dinge, die zeigen, mit wie wenig man so viel erreichen kann.“
Die Musik begleitet sie schon seit ihrer Kindheit. Ab ihrem 15. Lebensjahr spielte sie auf verschiedenen regionalen Festivals in einer Punk-Band. „Laut und krachig!“, erinnert sich Colletti mit einem Augenzwinkern an diese Zeiten zurück.
Davon ist heute allerdings nicht mehr viel zu hören. Nach 13 Jahren Pause griff sie 2020 wieder zur Gitarre. Eigene Songs schreibt sie zwar schon seit ihren Teenager-Jahren. Doch ihre heutigen Kompositionen bewegen sich zwischen akustischem Indie-Folk und klassischer Singer-Songwriter-Tradition.
Auf die Frage, wie ein neuer Song eigentlich entsteht – steht am Anfang eher eine Melodie, eine prägnante Textzeile oder ein Gefühl? –, erklärt Colletti, dass sie stets ein Notizbuch bei sich trägt. Darin hält sie Gedankenschnipsel fest, die ihr spontan in den Sinn kommen. Daraus formt sich mit der Zeit ein Text, „und dann höre ich was in mir drin, das ich als Musik über den Text lege.“ Wie viel von ihrer eigenen Persönlichkeit in den fertigen Werken steckt, beschreibt sie so: „Es beginnt mit Erlebtem, aber letztendlich sind später die Grenzen zwischen Erlebtem und Erfundenem fließend. Ich möchte auch nicht, dass sich Menschen wiedererkennen, und stelle mir gleichzeitig vor, welche Situation schön gewesen wäre.“ Genau diese sensible Balance verleiht ihren Liedern eine spürbare Authentizität.
Collettis Auftritt zeigte deutlich, wie wichtig es ihr ist, eine echte, emotionale Verbindung zum Publikum aufzubauen und die Freude an der Musik direkt weiterzugeben. Dazu gehörten nicht nur die humorvollen, oft selbstironischen Kommentare, mit denen sie ihre Songs ansagte. „Musik ist, gerade in diesen Zeiten, auch immer ein Zufluchtsort,“ so Colletti. Diesen Ort bot sie auch ihren Zuhörern in Otzenhausen. Sie dankten es ihr mit anhaltendem Applaus und entließen die Künstlerin erst nach zwei Zugaben aus dem Setting.
Trotz des großen Zuspruchs bleibt die Musik für Colletti ein reines Hobby und dient nicht dem täglichen Broterwerb. So kann sie auch weniger produktive Phasen gelassen aussitzen: „Es gibt auch Flauten, wo ich weniger erlebe oder einfach keine Lust habe.“ Dennoch arbeitet sie bereits an einer neuen LP, die im nächsten Frühjahr erscheinen soll.
Kleine Überraschung am Rande: Dem Punk ist sie im Übrigen abseits ihres Soloprojekts ebenfalls treu geblieben. In einer anderen Band spielt sie nach wie vor ganz andere Musik. Doch das ist eine andere Geschichte. Die perfekt zu Collettis Lebensmotto passt, immer wieder Neues auszuprobieren.



